“Sell in May and go away” – Börsenweisheiten: Regel und Gesetz oder doch nur Klischee?

Börsenweisheiten

In Englisch, der Sprache der Finanzwelt, klingt der Ratschlag ob seines Reims besonders schön: „Sell in May and go away“. Was hat es mit der Aufforderung, seine Aktienbestände im Mai zu verkaufen und dem Markt den Rücken zuzuwenden, wirklich auf sich? Reiht sie sich ein in den Reigen vieler alter Volksweisheiten, denen oft nicht mehr anhaftet, als ein schöner Reim? Oder gibt „Sell in May and go away“ womöglich sogar eine Regel oder mehr noch eine ungeschriebene Gesetzmäßigkeit an? Wir befragten Robert Beer *, Investmentexperte mit über 30 Jahren Erfahrung an den Anlagemärkten und Inhaber der gleichnamigen Robert Beer Investment GmbH, zur hinlänglich verbreiteten Börsenweisheit: Regel und Gesetz oder noch nur Klischee?

Herr Beer, „Sell in May and go away“? Laufen wir einer Börsen-Binsenweisheit auf oder steckt womöglich doch mehr dahinter?

Robert Beer: Zunächst einmal ist es ein schicker Spruch. Der sich zudem schnell einbrennt. Die Idee dahinter ist, dass im Sommer die Kursentwicklung statistisch weniger dynamisch ist als sonst. Zumindest im Schnitt. Die Dividende ist gezahlt, das Wetter wird schöner, die Urlaubszeit kommt und damit – wir kennen das aus anderen Gesellschaftsbereichen – das berühmte Sommerloch…

Ein Sommerloch am Aktienmarkt?

Robert Beer: Wieso eigentlich nicht?! Börse hat in gewissen Teilen mit Psychologie zu tun… Aber um bei den Tatsachen zu bleiben: Wenn dem so wäre, hieße das im Gegenzug, dass auch börsennotierte Konzerne den gesamten Sommer über pausieren würden. Und das entspricht schlicht und einfach nicht der Realität – weder in der Wirtschaft, noch am Aktienmarkt. Die Konzerne verdienen das ganze Jahr Geld, auch im Sommer. Deshalb lautet meine Einstellung, in ertragsstarke Unternehmen zu investieren und dann auch investiert zu bleiben.

Warum hält sich diese „Weisheit“ so beständig in den Köpfen?

Robert Beer: Nun, der Spruch hat sich nun mal in die Köpfe eingebrannt – fast wie ein Ohrwurm. Und es gab ja auch größere Rückgänge zwischen Mai und September. Wir erinnern uns an die Kursstürze Ende Mai 1962, August 1991 und 2011oder an den Brexit im Juni letzten Jahres. Man hätte also mit dieser „Methode“ große Kurskapriolen vermieden.  Statistisch kann man den Spruch deuten, wie man will. Denn auch viele sehr gute Tage und Monate lagen in dieser Zeit, wie zum Beispiel der Sommer 2005. Was letztendlich bleibt, ist die Erkenntnis, dass es in der Vergangenheit ab Mai ebenso viele gute Marktphasen wie auch schlechte Entwicklungen gab. Und selbst angesichts des derzeitigen All-Time-Highs des DAX brauchen sich Anleger deshalb keine Sorgen über einen bevorstehenden Einbruch ihres Investments machen. Sofern dieses grundsätzlich vernünftig aufgestellt ist – das gilt aber für jeden Zeitpunkt im Jahreslauf.

Sie raten Anlegern zu einem vernünftig aufgestellten Konzept, mit welchem sie zu keiner Jahreszeit den Markt scheuen müssen und das Klischee „Sell in May and go away“ seinen Schrecken verliert. Wie sieht dieses Konzept in Ihren Augen aus?

Robert Beer: Ich spreche in diesem Zusammenhang weniger von Konzepten, sondern eher von einer Anlagestrategie. Denn nur wer zielgerichtet und strategisch agiert, kann letztendlich nachhaltig profitieren. Um das Risiko zu begrenzen, gibt es darüber hinaus bei Weitem bessere Wege als vermeintliche Börsenweisheiten. Wer das Risiko begrenzen will, muss sich absichern und das nicht nur von Mai bis September.

Wie wird eine Anlagestrategie zu ebendieser Strategie, die nachhaltig aufgeht?

Robert Beer: Meine nachhaltige Anlagestrategie baut auf drei Tatsachen auf: Erstens verdienen Unternehmen alleine schon aufgrund ihres Unternehmenszwecks heute und in Zukunft Geld. Damit bilden sie die stabile Grundlage eines nachhaltigen Investments. Zweitens muss man in Aktien investiert sein, um von diesen Gewinnen profitieren zu können. Und zwar immer. Meine Maxime: „Investieren statt Spekulieren“. Und drittens ermöglicht eine risikooptimierte Anlage eine höhere Aktienquote, ohne dabei mehr Risiko einzugehen. Das bedeutet, in Abwärtsphasen weniger verlieren und anschließend wieder schneller auf neue Hochs gelangen. Mit unseren eigenen Fonds verfolgen wir diese bewährte Strategie seit inzwischen 13 Jahren in unterschiedlicher Absicherungsquote. Und sie geht – selbst ab Mai – seit 13 Jahren auf.

Vielen Dank Herr Beer für das Gespräch, Ihre Einschätzungen und Ratschläge.

Über:

robert_beer_geschaeftsfuehrer_robert_beer_portraitRobert Beer, Inhaber und Geschäftsführer der Robert Beer Investment GmbH, www.robertbeer.com, verwaltet seit nunmehr 13 Jahren risikoadjustierte Aktienstrategien, in welche die Ergebnisse aus 30 Jahren Erfahrung und Forschung einfließen. Unter dem Motto „Rendite und Risiko in Einklang bringen und so langfristig einen Mehrwert erzielen“ entwickelt er innovative Anlagekonzepte und Analysemodelle. Als Fachbuchautor, Finanzpublizist und Softwareentwickler beweist er seit den 80er Jahren seine langjährige und vorausschauende Expertise, die er auch als Lehrbeauftragter einer Fachhochschule sowie u. a. in Schulungen für die Deutsche Bank einbringt.

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